Skip to main content

„Das Auto an seiner richtigen Position in der Geschichte und mit seinem richtigen Stellenwert — auch in seiner Abstrahlwirkung in die heutige Zeit — einzusortieren, das ist unser Job.“

Alexander E. Klein

Der Brückenschlag aus der Vergangenheit in die Zukunft

Dieses Jahr feierte das Porsche Museum das 10-jährige Bestehen an neuer Wirkungsstätte. Die hinter dem beliebten Ausstellungsort agierende Sammlung der Porsche AG findet ihre Wurzeln aber bereits in den Anfängen des Unternehmens. Die Porsche Club News im Gespräch mit Alexander E. Klein, Leiter Fahrzeugsammlung und Heritage Experience, über den Kern des guten Sammelns, über die Porsche AG an sich – und über Fahrzeuge. Ein Gespräch mit interessanten Blickwinkeln.

Porsche Club News: Herr Klein, man sammelt das, was war, mit dem Blick zurück in die Geschichte; aber auch, um zu erklären, was ist. Man dokumentiert das, was ist, um die Dinge festzuhalten, die einmal in Zukunft wichtig werden könnten. Richtig erfasst?
Alexander Klein:
Richtig, man sammelt aus der Vergangenheit heraus in die Zukunft. Wobei Sammeln an sich unterschiedliche Betrachtungsweisen beinhalten kann: Man kann natürlich alles Sammeln, was erfolgreich war: in der Produktion, im Motorsport, als Neuentwicklung. Solche Dinge zeigt man natürlich gerne, weil man damit sehr gut den Unternehmensfortschritt aufzeigen kann. Sammeln heißt aber nicht nur, immer das Schöne und Erfolgreiche aufzuzeigen, sondern auch die Schritte dorthin.

Die dann manchmal auch weniger erfolgreich sein können?
Es kommt ja vor, dass man den zündenden Gedanken nicht auf Anhieb hat, sondern sich eine Lösung erst aus verschiedenen Zwischenschritten heraus entwickelt. Aus diesem Grund ist es die Aufgabe der Sammlung, auch die Zwischenschritte aufzuzeigen. Damit kann man zum Beispiel erklären, dass Erfolg nicht immer ein Zufalls­produkt ist, sondern auch eine ganze Menge Arbeit beinhaltet. Also sammeln wir praktisch alles, was zwischen einer Idee und dem fertigen Produkt entsteht. Und zwar möglichst von allen Produkten, die wir jemals erdacht haben. Auch wenn es eine Sackgasse war.


In den 80er-Jahren hat sich Porsche zum Beispiel überlegt, wieder in den Rallye-Sport einzusteigen. Audi hatte einen der ersten Vierradantriebe im Einsatz und Porsche stellte sich die Frage, wie man sich ebenfalls dem Thema nähern kann. Zunächst hatte man daran gedacht, hierzu ein Transaxle-Fahrzeug zu nehmen und es um einen Vierradantrieb zu ergänzen. Das hat man untersucht, ist aber wieder davon abgekommen, weil sich parallel dann doch der Elfer als das bessere Vierradfahrzeug erwiesen hat. Und somit ist dann also der vierradangetriebene 944 in der Versenkung verschwunden. Diese Autos haben wir noch und können damit belegen: Porsche hat sich überlegt, ein Gruppe-B-Auto aufzulegen, aber es hat sich dann doch als sinnvoller erwiesen, das auf Basis des 911 zu machen.

Von der Breite und Tiefe des Sammelns: Aufgaben einer modernen Sammlung

Die Sammlung dokumentiert damit auch den roten Faden durch die jahrzehntelange Porsche Entwicklung?
Das ist der Hauptauftrag der Sammlung. Wir haben ja nicht die kompletteste Porsche Sammlung. Aber wir haben die Sammlung, die mit ihren Inhalten dem Besucher, Interessierten, Journalisten oder Markenfan am ehesten zeigen kann, welches Mindset, welcher Spirit in jedem Produkt von Porsche steckt. Dieses Mindset ist bis zum heutigen Tag in jedem Auto enthalten und lässt sich wie ein roter Faden von jedem Fahrzeug ableiten.

Aufgrund dieses Mindsets erzählen wir bei jedem Fahrzeug die echte, die authentische Geschichte, mit allen Höhen und Tiefen. Wenn das Fahrzeug nach sechs Stunden ausgefallen ist, weil die Benzinpumpe ihren Dienst aufgab, dann war diese Erkenntnis wichtig, um sich für das nächste Rennen eine andere Benzinzufuhr zu überlegen. Und vielleicht war das dann genau jener Schritt, der zum noch größeren Erfolg geführt hat.


Das heißt, die Sammlung spiegelt dieses Mindset?
Ja, denn diesem Mindset entsprechen die Fahrzeuge in ihrer authentischen optischen Aufbereitung, diesem Mindset folgt die Zusammenstellung der Sammlung und danach richten wir uns auch in der Frage, wie wir die Sammlung vervollkommnen und sie weiter ausrichten. Vervollkommnen bedeutet dabei für uns, die in der Vergangenheit entstandenen Lücken zu schließen und sie für neu entstehende Anforderungen und Bedürfnisse zu ergänzen.

Dazu muss man wissen: Sammlungsarbeit stellt sich heute vollkommen anders dar als vielleicht noch vor 15 Jahren. Denn das Unternehmen Porsche hat es verstanden, seine Sammlung in einem viel weiteren Sinne zu nutzen und einzusetzen. Die Sammlung nimmt der Besucher ja im bekanntesten Sinne in Form des Museums wahr. Das Museum ist eine Begegnungsstätte und die Sammlung versucht, dem Besucher immer wieder etwas Spannendes zu bieten. Aber die Aufgabe einer Sammlung geht über das Museum hinaus: Sie dient unternehmensinternen Aufgaben, journalistischen Berichterstattungen und unterstützenden Maßnahmen in den Märkten. Wir haben hierzu einen Fahrzeugpool von 13 Fahrzeugen in China stationiert, wir haben fünf Fahrzeuge im regelmäßigen Austausch mit Amerika und arbeiten fünf- bis sechs Mal im Jahr mit den großen europäischen Märkten in Projekten zusammen. Insgesamt unterstützen wir dabei rund 33 Länder mit Auslandseinsätzen und Leihgaben. Das summiert sich auf 2.500 Transport-Bewegungen von hier aus in alle Welt.


Sprich, zusätzlich zu den Fahrzeugen, die man im Museum sehen kann, besitzt ihr noch einen Fahrzeugbestand für die vielen weltweiten Einsätze?
Im Museum sieht man so um die 80 Fahrzeuge. Im Bestand haben wir insgesamt inzwischen rund 650 Fahrzeuge. Es gibt ja bei allen Jubiläen – 911, die Transaxles, 914 und natürlich zuletzt beim großen Jubiläum „70 Jahre Porsche Sportwagen“ verstärkt Nachfragen aus den Märkten. Also haben wir zum Beispiel vom 356 Speedster mehr als einen. Von den frühen Elfern benötigen wir immer mehrere, vom 911 Turbo benötigen wir immer die verschiedenen Varianten. Und so ist das natürlich auch mit besonders attraktiven Modellen: Von den GT-Modellen haben wir alle logischen Vorgänger in der Sammlung. Wenn Porsche ein neues Modell auf den Markt bringt, bieten wir für journalistische Zwecke immer gleich den Vergleich mit dem Vorgänger an, damit man sehen kann: So hat sich das entwickelt. Wir können eigentlich jede Baureihe mit fahrbereiten Modellen in die Historie zurück darstellen.

Zudem benötigen wir diese Fahrzeuge für unternehmensinterne Zwecke. Unsere Fahrzeuge dienen dem Unternehmen zu mehr als 50 Prozent der Zeit beim Umgang mit Fahrzeugen, die nicht mehr Teil der aktuellen Produktion sind. Zum Beispiel sichern wir damit ab, dass die neueste Generation von Servicetestern auch mit der ältesten Generation der Fahrzeuge kompatibel ist. Auch stellen wir Fahrzeuge für Aerodynamikvergleiche der unterschiedlichen 911-Generationen im Windkanal. Oder für Geräuscheapplikationen bei neuen Modellen – da nehmen wir die Vergleichsfrequenzen von den Fahrzeugen aus der Sammlung ab. Für ungelöste Servicefälle versuchen wir Defekte zu simulieren. Somit sind wir Systemdienstleister für alle Bereiche im Unternehmen.

Vom Wegstellen zum Sammeln

Wenn das Museum heute ein moderner Dienstleister ist, hat man dann damals einfach nur gesammelt? Wie war das früher?
Sammeln beginnt im Prinzip mit einer Gründergeneration. Sie ist die Generation 1, das sind die „Sammler“. Es muss am Anfang einen Verantwortlichen geben, der entscheidet, dass das, was gebaut oder im Rennsport eingesetzt wurde, nach Gebrauch nicht verkauft wird. Das ist bei uns die Generation vor rund 50 Jahren. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass Porsche damals eine Jahresproduktion von vielleicht maximal 10.000 Autos hatte und entsprechend wenige Umsätze für motorsportliche Aktivitäten da waren. Andererseits hat Porsche in den 60er-Jahren im Motorsport sehr viel bewegt und hierfür benötigte man natürlich Geld.

Es war also damals nicht selbstverständlich, dass einer sagte: Wir behalten jetzt einmal ein Rennauto und verkaufen es nicht. Natürlich hat man gesagt: Wir verkaufen das! Damit hatte man wieder Geld für das nächste Rennfahrzeug. Also, es muss einen geben, der die sicherlich unbequeme Entscheidung trifft und festlegt: Wir stellen dieses Fahrzeug jetzt weg. Daraus entwickelt sich zunächst einmal eine kleine „weggestellte“ und unbeachtete Sammlung. Richard von Frankenberg war einer derjenigen, die damals entschieden haben, nach der Ziellinie die Autos einfach wegzustellen. Und so hat man von 1948 bis 1976 tatsächlich einfach nur weggestellt.

Irgendwann kommt die nächste Generation und fragt: Was ist denn mit den ganzen weggestellten Dingen, kann man denn damit nichts machen? Dieses kritische Hinterfragen des Weggestellten führt dann bei vielen Firmen tatsächlich dazu, dass viel verkauft wird. Weil man die Dinge gerade nicht benötigt und man damit Geld erlösen kann. Wichtig ist also, jetzt jemanden zu haben, der das Weggestellte bewahrt oder gar gegen Fremdzugriff verteidigt. Das ist die Generation „Bewahrer“. Das muss dann schon jemand sein, der eine Vision hat, der weiß, dass das, was da weggestellt wurde, nicht nur als Produkt, sondern auch im Sinne von Historie in Zukunft durchaus von Bedeutung sein kann. Es ist in der Regel dann auch diese zweite Generation, die sagt: Lasst uns das Weggestellte der Öffentlichkeit zugänglich machen. Wir nehmen eine Halle und hängen ein Schild außen dran: geöffnet 9.00 – 17.00 Uhr. Und das sind dann die Anfänge eines Museums. Bei Porsche konnte man ab 1976 die kleine Sammlung des Museums besuchen.

Sammeln in der dritten Generation

Die dritte Generation, also wir, sind nun „Verwalter“ des Ganzen und damit beschäftigt, die wenigen übrig gebliebenen Sammlungslücken zu schließen und nach Aufgaben und Feldern zu suchen, in denen man die Sammlung, wie bereits erwähnt, unternehmerisch einbringen kann.

Neben der Unterstützung der Märkte und dem Einsatz bei Mess-, Vergleichs- oder Entwicklungsprozessen halten wir Ausschau nach journalistischen Gelegenheiten für Pressearbeit und stellen das richtige Fahrzeug für die richtige Story bereit. Wir stellen zur Unterstützung von Marketingkampagnen oder Videospielen Fahrzeuge zur Verfügung; jedes Computerspiel mit Porsche-Fahrzeugen, das man im Gaming-Markt findet, beruht auf einer Digitalisierung unserer Autos. Multimedia-Apps und so weiter basieren größtenteils auf Daten, die von unseren Autos abgenommen wurden.

Es ist aber auch Teil unserer Arbeit, das Bewusstsein des Unternehmens für die historische Sammlung zu schärfen. Denn das alles funktioniert ja erst dann, wenn das Unternehmen den Sinn darin versteht, historische Fahrzeuge in seine Arbeit mit aufzunehmen. Als Resultat gibt es keinen Prospekt von Porsche, in dem nicht ein Querverweis auf eine Vorgängergeneration oder ein entsprechendes Bild enthalten ist. Es gibt kein Multimedia-Modul oder begleitendes Fahrvideo, in dem nicht ein historisches Fahrzeug aus unserer Sammlung zu sehen ist. Es gibt im Marketingbereich kein Medium mehr ohne Brückenschlag in die Vergangenheit. Um damit die Herkunft aufzuzeigen und darzustellen: Die Ableitung der Herkunft im Sinne der Zukunft ist kein Zufallsprodukt, sondern der richtige und konsequente Weg.

Vom Zeitgeist und der Neutralität des Sammlers

Und wie geht die Sammlung mit aktuellen Produkten um? Vom 918 sehen wir hier im Lager eine sehr spezielle Mischung an Exponaten: vom Muletto bis zum ersten Serienfahrzeug. Als ihr diese Entscheidungen getroffen habt, war der 918 ja noch ein Neufahrzeug. Ihr legt also auch fest, mit was das Porsche Museum der Zukunft mal arbeiten wird?
In der dritten Generation ist man immer auch ein wenig die erste Generation. Natürlich sammeln wir erst mal alles – von den ersten Studien über die Prototypen bis zum fertigen Auto. Am Schluss eines jeden Produktzyklus schauen wir dann, dass wir von jeder Karosserievariante, jeder Antriebseinheit und jeder Getriebeversion jeweils ein Modell haben. Das betrifft alle Baureihen. Von den ersten Cayennes über die ersten Panameras und dem 918 bis nun in das Hier und Jetzt mit dem neuen Taycan. Auch da tragen wir schon fleißig zusammen.

Wie behandelt ihr bei der Auswahl der Exponate die Frage des Geschmacks?
Zuallererst ist es eine ganz wichtige Sache, dass eine Sammlung nicht opportunistisch ist. Beim Sammeln benötigt man eine ganz neutrale Herangehensweise. Da darf kein Auto schöner sein als das andere. Und keine Farbe bevorzugenswerter als die andere. Sonst hätte man in der Sammlung der Generation 1 nur gelbe Autos mit grünen Sitzen und in der nächsten Generation nur silberne Autos mit schwarzen Sitzen.

Man benötigt also immer ein Gefühl für das, was der Trend und Zeitgeist ist – man will ja immer das Auto in dem Kontext präsentieren, in dem es gebaut wurde. Ein Auto aus den Siebzigerjahren nimmt man natürlich in Gelb oder Orange. Dafür nimmt man einen 3,2-Liter Carrera Coupé von 89 jetzt nicht in Orange, den nimmt man natürlich in dem Farb- und Ausstattungskontext, in den er damals passte, also vielleicht in Moosgrünmetallic oder Marinablau.

Und wie konfiguriert ihr die aktuellen Modelle?
Das ist jetzt eine interessante Frage. Den Zeitgeist der Gegenwart kann man selber ja nicht genau auspendeln, da ist zu viel subjektive Beeinflussung drin. Also versuchen wir, antizyklisch zu arbeiten. Wir versuchen, aktuell untypische Autos zu konfigurieren. Wir haben zum Beispiel gerade einen 911 Typ 991 GT3 4-Liter übernommen – in Signalgelb, der RS-Farbe von 1973. Wir wissen, in 20 Jahren gibt es die meisten GT3 in Kreide. Weil die Trendfarbe rückblickend wahrscheinlich Kreide war. Wir möchten jetzt einen Gegenpol setzen, indem wir eine ungewöhnliche Fehlfarbe dazunehmen, und stellen in der Fahrzeugsammlung paarweise Gegensätze zusammen, mit dem spürbaren Trend und mit einem gefühlten Trend. Damit versuchen wir, das Thema zu nivellieren.

Von Ahnen und ihrer Abstrahlwirkung in das Jetzt

Gibt es die Situation, dass man eines Tages mal sagen wird: Historisch haben wir jetzt alles was wir haben möchten? Werden dann nur noch aktuelle Fahrzeuge gesammelt?
Was wir im Prinzip ja bereits machen. Aber als Sammlung sammeln wir ja nicht nur Fahrzeuge. Als Sammlung beschäftigen wir uns generell mit 100 Jahren Automobilentwicklung im Hause der Familie Porsche – inklusive dem Hier und Jetzt und der Zukunft. Und in dieser Entwicklung gab es keine schwachen oder besonders starken Phasen. Im Gegenteil: Wenn man sich die aktuellen Einwirkungen auf die Automobilbranche anschaut, dann stößt man auf Lösungen, die wir schon vor 50 oder 100 Jahren bereit hatten. So waren es Fahrzeuge von uns, die mit wenig Hubraum, wenig Zylindern und wenig Gewicht erfolgreich waren. Weil sie einfach zuverlässig und effizient waren. Das ist ein Ansatz, der auch heute noch gilt. Die Automobilwelt tendiert heute zur Elektrifizierung. Für uns ist das keine Überraschung, das haben wir letztlich vor 100 Jahren auch schon gemacht. Professor Porsche war einer der Urväter der Elektrizität. Das ist ja das Schöne an der Firma Porsche, dass letztlich jedes einzelne Produkt so weit in die Zukunft vorausgedacht ist, dass es auch bis zum heutigen Zeitpunkt seinen berechtigten Stellenwert hat.

Die Frage der Authentizität: vom richtigen Restaurieren

Ich möchte mal auf das Thema Restaurieren kommen. Wie geht ihr mit der Frage der Authentizität um?
Das ist ein ganz wichtiges Thema bei uns im Team: die gemeinsame Definition von Authentizität und der Umgang damit. Wir diskutieren das Thema Authentizität bewusst oft, bewusst kontrovers und bewusst oft auch an extrem unterschiedlichen Beispielen. Restaurieren ist ja ein lateinischer Begriff: zurückversetzen in einen Ausgangszustand. Und für uns ist die wichtige Frage: Was soll der Ausgangszustand sein?

Das Auto, das 300.000 Kilometer gefahren ist, weist auch Gebrauchsspuren von 300.000 Kilometern auf, ist aber vielleicht technisch in Ordnung. Lässt man diesen Wagen genau so, wie er ist? Und lässt man ihn damit die Geschichte erzählen: Ich bin 300.000 Kilometer gefahren? Das ist ja auch eine Botschaft.

Daneben hat man vielleicht ein Fahrzeug, das 3.000 Kilometer gefahren ist, dann aber 30 Jahre unter einem Baum stand. Das kann seine Geschichte nicht erzählen: Ja, ich bin wohl nur 3.000 Kilometer gefahren, aber sehe aus wie 500.000. Also muss man da wohl anders an die Restaurierung herangehen.

Dann hat man ein Motorsport-Fahrzeug, das von Saison zu Saison modifiziert wurde, dann vor 30 Jahren abgestellt wurde und bis heute diesen Status gehalten und bewahrt hat. Was ist denn nun der Zustand, den das Fahrzeug darstellen soll? Den Zustand des letzten Rennens oder den des ersten? Welche Rennen hat es gefahren, welche großen Erfolge erzielt und welche Fahrer sind damit gefahren?

Also, man hat natürlich immer verschiedene Ansätze und der Ausgangszustand, von dem aus man sich dem Ganzen nähert, ist jedes Mal ein komplett neuer. Aber du musst zuerst einmal wissen, worauf du hinaus willst.

Und wie wir das sehen, sieht man am besten am Beispiel Scheunenfund. Dem 911 mit der Baunummer 057. Den haben wir wieder so aufgebaut, dass es das Fahrzeug des Trödlers Bernd Ibold bleibt. Unsere Mission war, eben kein Retortenfahrzeug aus dem Hut zu zaubern, sondern ein authentisches Fahrzeug zu schaffen, das nach der Restauration immer noch alle Ibold’schen Merkmale erkennen lässt. Und das ist uns ganz gut gelungen. Das Auto hat seine Seele behalten, es hat seine Geschichte behalten und darf sie erzählen.

Die Hüter der „Dr.-Ing.“

Womit wir wieder beim eingangs angesprochenen Mindset wären.
Eine Sammlung als Zusammenstellung vieler Produkte – und in unserem Fall Fahrzeugen – darf nicht nur eine reine Addition von Autos, eine reine Anhäufung sein. Eine Sammlung sollte die Haltung, die DNA, die Attitüde des Produkts widerspiegeln. Jedes Fahrzeug hat eine Aussage. Es kam zu einer Zeit, war gedacht für einen gewissen Zweck, einen gewissen Kundenbereich und einen gewissen Auftrag. Diese individuelle Geschichte des jeweiligen Fahrzeuges ist wichtig, um mit dem Fahrzeug kommunizieren zu können. Und diese individuelle Geschichte darf im Rahmen einer Sammlung, in diesem riesigen Pool an unzähligen Geschichten und Fahrzeugen, nicht untergehen. Um so mehr muss die Sammlung selbst jede dieser Geschichte verstehen.

Auch, um mit jeder dieser einzelnen Geschichten ein große, gesamthafte zu erzählen?
Und um das zu können, muss die Sammlung ihren eigenen Fingerprint haben. Bei allen, vielen, kleinen Facetten, ist es sie, die eine eigene Aussage nach außen sendet. Und die Aussage, die wir nach außen senden möchten, ist, dass wir eine Sammlung sind, die die Kernbotschaften des Unternehmens in jedem ihrer Sammelobjekte darstellen kann. Weil die Sammlung die Fahrzeuge verstanden hat und die Sammlung eine Darstellung des Ist-Zustandes der Unternehmensgeschichte ist. Mit allen Höhen und Tiefen und ohne beschönigende Zensur: Wir zeigen die Autos so, wie sie waren, und nicht so, wie sie hätten sein sollen; wir zeigen das Fahrzeug, das nach einer Runde ausgefallen ist; wir zeigen den Designentwurf, der nicht umgesetzt wurde; wir zeigen die Technik, die sich nicht als optimal herausgestellt hat. Denn all das sind wichtige Schritte des Unternehmens: aus Fehlern zu lernen, sich in die richtige Richtung zu entwickeln und sich dabei immer wieder selbst neu zu erfinden.

Kann man die Sammlung als Hüter des „Dr.-Ing.“ betrachten?
Als Abteilung GOM und Historische Öffentlichkeitsarbeit auf jeden Fall. Denn hier sind alle Sammlungen des Unternehmens ansässig: die Fahrzeugsammlung, die historische Motorsportsammlung, das Unternehmensarchiv mit den Bild-, Video-, Konstruktions-, und Dokumentensammlungen. Aber auch im übertragenen Sinne lassen wir das gerne gelten: Wir nehmen die Bezeichnung „historisches Rückgrat“ der Porsche AG buchstäblich: Haltung, Attitüde, Spirit, Mindset des Porsche Universums sind bei uns klar verankert.

Besten Dank!


Alexander E. Klein, Leiter Fahrzeugsammlung und Heritage Experience der Porsche AG.

Zurück