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Der kreative Geist: Hans Mezger

Mehr als drei Jahrzehnte lang ist Hans Mezger für die erfolgreichsten Rennfahrzeuge und Rennmotoren von Porsche verantwortlich. Am 18. November 2019 wird der legendäre Ingenieur AG 90 Jahre alt.

Rennfahrzeugen und Rennmotoren ins Gedächtnis rufen, erscheinen so viele Namen nicht. Einer ist jedoch immer darunter und für viele Fans und Fachleute steht er sogar ganz oben: Hans Mezger. Konstrukteur des luftgekühlten Sechszylinder-Boxermotors des Porsche 911, Gesamtkonstrukteur des 917 und dessen Zwölfzylinder-Triebwerk mit 180 Grad Bankwinkel und der für V-Motoren typischen Anordnung von jeweils zwei Pleueln auf einem Hubzapfen, außerdem Schöpfer des TAG-Turbo Formel-1-Motors. Hans Mezger und sein Schaffensspektrum sind längst Legende.

Interesse für Kunst und Technik von klein auf

Geboren wird Hans Mezger am 18. November 1929 in Ottmarsheim, einer kleinen Dorfgemeinde bei Ludwigsburg vor den Toren Stuttgarts. Er ist das jüngste von fünf Kindern, die Eltern betreiben einen Landgasthof. Kunst und Kultur werden im Hause Mezger großgeschrieben. „Fast alle in unserer Familie hatten Talent zum Malen und spielten ein Musikinstrument. Ich fand das Leben auf dem Lande spannend. An Berufswünschen war bei mir alles dabei – vom Musiker bis zum Physiker“, erinnert sich Hans Mezger an seine Kinder- und Jugendzeit. Auch Flugzeuge und das Fliegen begeistern den jungen Hans von klein auf und so unternimmt er mit einer Segelfliegergruppe aus seiner Nachbarschaft hin und wieder einen Ausflug nach Kirchheim/Teck, wo er fasziniert die Gummiseilstarts des Schulgleiters SG 38 beobachtet. „Ich wollte unbedingt selbst fliegen, war damals aber noch zu jung“, erklärt er.

Mitten hinein in die unbeschwerte Kinder- und Jugendzeit und den Besuch des Gymnasiums schlagen das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg. Und am 18. April 1945, gerade mal drei Wochen vor Kriegsende, entgeht der 15-jährige Hans Mezger nur mit Glück und dem fingierten Attest eines deutschen Kommandanten dem Kriegseinsatz. Schließlich besucht Hans Mezger weiter das Gymnasium – bis zur 6. Klasse in Besigheim, danach bis zum Abitur in Ludwigsburg. „1946 erlebte ich das erste Autorennen meines Lebens. Es war in Hockenheim, wo alte Vorkriegsrennwagen am Start waren, darunter auch Hans Stuck, den ich mit meiner alten Kamera aufgenommen habe“, berichtet Hans Mezger über sein erstes Motorsporterlebnis unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.

Maschinenbau-Studium, Motorroller und Jazz-Musik

Da die Konstruktion, der Bau und der Betrieb von Flugzeugen von den Alliierten 1945 verboten werden, erst 1951 wieder Segelflug und 1955 schließlich auch Motorflug möglich sind, kommt eine Luftfahrtkarriere für den flugbegeisterten Hans Mezger nicht in Frage. „Das hätte eine zu lange Wartezeit bedeutet. Also entschied ich mich für ein Maschinenbaustudium an der Technischen Hochschule, der heutigen Universität Stuttgart“, erinnert sich der Schwabe, dem die Mathematik immer besonders leicht fiel.

Allerdings herrscht zu dieser Zeit großer Andrang an den Universitäten, denn die aus dem Krieg zurückgekehrten jungen Männer werden bei der Vergabe der Studienplätze bevorzugt. So nutzt Hans Mezger die Zeit für das von der Universität geforderte zwölfmonatige Praktikum, das zahlreiche Stationen wie mechanische Bearbeitung, Schweißen, Modellbau sowie einige Wochen in der Grauguss- und Aluminium-Gießerei vorsieht. „Zu dieser Zeit fuhr ich einen Motorroller, eine NSU Lambretta. Abgesehen von der 250er-DKW meines Bruders mein erstes und gleichzeitig letztes motorisiertes Zweirad. Ich fuhr die Lambretta bis 1960, als ich mir mein erstes Auto, einen betagten und recht abgenutzten 356 kaufen konnte. Erst Jahre später sollte ich wieder mit motorisierten Zweirädern in Kontakt kommen, als es Ende der 1970er-Jahre galt, für Harley-Davidson neue Motorradmotoren zu entwickeln“, so Hans Mezger weiter.

„Während meiner Studentenzeit wollte ich mein Englisch weiter verbessern und hörte deshalb den amerikanischen Soldatensender AFN. Dabei entdeckte ich die Jazz-Musik und besuchte dann auch die ersten Jazzclubs“, erinnert er sich. „Mein Lieblingskomponist ist George Gershwin, den ich für seine Musik und seine Pianokunst gleichermaßen schätze. Klavierunterricht nahm ich bereits in meiner Jugendzeit bei einem Musik-Professor“, erzählt Hans Mezger und deutet auf das Harmonium in seinem Büro, das er einst für keine 100 Mark auf einem Flohmarkt erstand. „Man muss die Luft zwar selbst mit den Pedalen erzeugen, doch dafür lässt es sich schneller anschlagen als herkömmliche Modelle. Deshalb ist es selbst für schnelle Jazzstücke bestens geeignet“, erklärt der Porsche-Konstrukteur die Technik, die sich hinter diesem Instrument verbirgt. Hans Mezger und die Technik sind eben kaum voneinander zu trennen. Nicht bei einem Musikinstrument und erst recht nicht, wenn es um Porsche-Rennfahrzeuge und deren Motoren geht.

Einstieg bei Porsche am 1. Oktober 1956 in der Berechnungsabteilung

Mit dem Studienabschluss 1956 geht zur Zeit des deutschen Wirtschaftswunders eine wahre Flut von Job-Angeboten einher. „Es waren 28. Doch Porsche war nicht dabei. Ich wollte aber zu Porsche, denn der Sportwagen Typ 356 begeisterte mich. Daraufhin bewarb ich mich, wurde auch eingeladen und man bot mir eine Tätigkeit in der Dieselmotorenentwicklung an. Bis dahin wusste ich nicht einmal, dass es bei Porsche so etwas gab. Mir schwebte jedoch die Arbeit an Sportwagen vor. Man zeigte Verständnis und so fing ich in der Berechnungsabteilung bei Porsche an“, erzählt Hans Mezger über seinen Einstieg beim Zuffenhausener Sportwagenhersteller. Wenig später, im Jahr 1958, heiraten Hans Mezger und seine Frau Helga, mit der er bis heute glücklich zusammenlebt. Damit einher geht der Umzug in die erste gemeinsame Wohnung in Ludwigsburg. Kurze Zeit später folgen die beiden Kinder Daniela und Oliver.

Dann geht es sozusagen Schlag auf Schlag. Hans Mezger sammelt erste Erfahrungen mit dem Viernockenwellenmotor Typ 547, entwickelt eine Formel zur Berechnung von Nockenprofilen und wird 1960 Teil des ersten Formel-1-Projekts von Porsche. An der Entwicklung des 1,5-Liter-Achtzylinders vom Typ 753 ist er dabei ebenso beteiligt wie am dazugehörigen Chassis des 804. „Bei diesem Formel-1-Projekt lernte ich viel über die Gestaltung von Brennräumen. Dies kam unmittelbar auch der Konstruktion des Sechszylinder-Boxers für den späteren 901/911 zu Gute. Im Laufe der Zeit wurde Ferry Porsche mit seiner visionären Unternehmensführung, seinen menschlichen Qualitäten, seiner Würde und seinem großen Einsatz zu meinem Vorbild. Seine Philosophie, Rennsport zu betreiben, um den besten Sportwagen für die Straße bauen zu können, war überzeugend und prägte mich und meine Arbeit für die ganze Zeit meiner Tätigkeit im Hause“, berichtet er aus jener frühen Epoche bei Porsche.

Familiäre Atmosphäre in der noch kleinen Firma Porsche

Seine Kreativität und sein künstlerisches Talent bleiben bei Porsche aber auch jenseits von allfälligen Konstruktionsaufgaben nicht unbemerkt. In der noch kleinen Firma Porsche herrscht eine überaus familiäre Atmosphäre, in der auch ein geselliges Miteinander gedeihen kann. Etwa die traditionelle Weihnachtsfeier für die Kinder der Mitarbeiter in der Kantine von Werk 2, wo Ferry Porsches Frau Dorothea stets persönlich Geschenke verteilt. „Für die Erwachsenen war der Ball der Konstrukteure ein alljährlicher Höhepunkt. Ich war noch nicht lange bei Porsche, als ich gebeten wurde, die Organisation dieser Faschingsveranstaltung zu übernehmen. Es war immer sehr nett, bisweilen natürlich geprägt von lustigen Sticheleien zwischen uns Konstrukteuren und den Versuchsleuten, die natürlich auch eingeladen waren“, erinnert sich Hans Mezger an diese alljährliche Veranstaltung, für die er sogar eigens Plakate entwarf.

Künstlerische Kreativität, Können und Schaffenskraft ziehen sich wie ein roter Faden durch Hans Mezgers Leben. So begeistern ihn bis heute die Fotografie und die Malerei, vor allem der Impressionismus, und so verwundert es nicht, dass in seinem Haus einige solcher Werke die Wände zieren. Darunter auch Bilder, die von ihm selbst stammen. „Als ich noch mehr Freizeit hatte, malte ich selbst Bilder, meist mit Ölkreide“, erklärt Hans Mezger und deutet auf eine winterliche Ansicht von Ottmarsheim.

Konstruktion des 911-Motors und Leitung „Konstruktion Rennfahrzeuge“

Beruflich folgen Anfang der 1960er-Jahre dann der weltberühmte „Mezger-Motor“ für den 901 beziehungsweise 911 und 1965 der Aufstieg zum Leiter der von Ferdinand Piëch geschaffenen Abteilung „Konstruktion Rennfahrzeuge“. Sie ist der Schlüssel für eine neue Qualität und Dynamik von Porsche im Motorsport. Es ist eine spannende, aufregende Zeit Mitte der 1960er. Gearbeitet wird bisweilen auch rund um die Uhr. Etwa, als 1965 in nur 24 Tagen der sogenannte „Ollon-Villars-Bergspyder“ und kurz darauf der 910 entsteht. Mit seiner Konstruktion aus Gitterrohrrahmen, Glasfaser-Karosserie und der Auslegung auf die neue Reifentechnologie aus der Formel 1 wird der Wagen sozusagen zur Blaupause für alle Rennfahrzeuge, die in den darauffolgenden Jahren entstehen.

Vom 917 bis zum TAG-Turbo für die Formel 1

Auch bei der Entwicklung des 917 setzt Porsche 1968 auf dieses Konstruktionsprinzip. Mit dem 917 soll endlich der erste Gesamtsieg für Porsche in Le Mans möglich werden und einmal mehr vertraut Ferdinand Piëch auf Hans Mezger, der die Gesamtkonstruktion des Fahrzeugs und seines Zwölfzylinders übernimmt. 1970 und 1971 dominieren die 917 in Le Mans und in der Sportwagenweltmeisterschaft. 1972 und 1973 zeigen die 917/10 und 917/30 dank einer von Porsche selbst entwickelten neuartigen Abgasturboaufladungs-Technologie auch auf den kurvenreichen Strecken der CanAm-Serie wo es langgeht. Erstmals war es gelungen, der Turboaufladung ein Ansprechverhalten zu verleihen, mit dem Rennwagen und Serienfahrzeuge auf allen Rennstrecken und öffentlichen Straßen eingesetzt werden können. Eine Technologie, die Porsche zum Vorreiter auf diesem Gebiet macht und die Hans Mezger und seine Mannschaft 1974 in Gestalt des 911 Turbo auf die Straße bringen. Viele weitere siegträchtige Entwicklungen folgen. Für die 24 Stunden von Le Mans, die Sportwagen-WM oder auch für die amerikanische Indy-Serie.

Doch das wohl herausragendste Projekt nimmt 1981 Fahrt auf, als sich Ron Dennis und sein McLaren-Rennstall auf die Suche nach einem schlagkräftigen Turbo-Motor für die Formel 1 machen. Die Wahl fällt schließlich auf Porsche und es wird beschlossen, einen komplett neuen Motor zu konstruieren, zu bauen und auch vor Ort bei den Rennen zu betreuen. Auch diesmal ist Hans Mezger der kreative Kopf und Macher des 1,5-Liter-V6-Motors mit 80 Grad Bankwinkel, der es später im Rennen auf mehr als 1000 PS bringen sollte. 1984 wird Niki Lauda damit Weltmeister, 1985 und 1986 gelingt dies Alain Prost. Insgesamt 25 Rennsiege erringt der TAG-Turbo, hinzukommen die beiden Konstrukteurs-Weltmeisterschaften 1984 und 1985. „Das war ein großartiger Erfolg und gleichzeitig auch der bis dahin bedeutendste Entwicklungsauftrag einer Fremdfirma für Porsche“, ergänzt Hans Mezger.

Ein kräftiger Kaffee und Kater Wendelin

Seine Loyalität und Verbundenheit zu Porsche sind heute so ausgeprägt wie vor 50 oder 60 Jahren und nach wie vor steht er Journalisten, Technikern oder interessierten Fans gerne als Gesprächspartner zur Verfügung. Am liebsten bei einer guten Tasse Kaffee im Porsche Museum. Denn dafür ist Hans Mezger immer empfänglich. „Wissen Sie, als ich zusammen mit Peter Falk in Le Mans oftmals die Nacht hindurch an der Zeitnahme saß, war ein guter, kräftiger Kaffee das Allerwichtigste. Erstens, um nicht einzunicken und zweitens, um sich etwas aufzuwärmen, da es mitunter doch recht kühl sein konnte“, erzählt der Porsche-Konstrukteur. Und lachend ergänzt er: „Was mich jedoch immer gestört hat war, dass die Kaffeetasse entweder so heiß war, dass ich sie kaum anfassen konnte oder aber der Kaffee nurmehr lauwarm war. Irgendwann, als ich nachts wieder einmal zuhause am Schreibtisch saß, habe ich deshalb eine doppelwandige Kaffeetasse mit guter Isolation entworfen. Allerdings blieb es letztlich bei dieser Skizze, denn meine Aufgaben waren ja fürwahr andere.“

Mitunter arbeitet Hans Mezger selbst heute noch bis spät in die Nacht an seinem Schreibtisch. „Zu meiner aktiven Zeit leistete mir dabei unser Kater „Wendelin“ Gesellschaft. Wir hatten ihn nach dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Wendelin Wiedeking benannt. Er lag immer auf der Fensterbank und wenn er der Ansicht war, dass ich genug gearbeitet hatte und mich nun ihm widmen sollte, legte er sich stets quer auf meine Arbeitsunterlagen und ich gab mich geschlagen“, erzählt Hans Mezger lächelnd.

Mit Porsche bis heute eng verbunden

Die Verbundenheit zu Porsche lässt ihn während seiner Karriere sämtliche Angebote anderer Hersteller ablehnen und noch immer besitzt er seinen 911 Carrera 3.0 in Grand-Prix-Weiß – einen begehrten Porsche-Klassiker mit „seinem“ Motor. Auch zu seinem Elfer hält er abschließend eine besondere Geschichte bereit: „Er ist Baujahr 1977, doch im Kfz-Brief steht als Datum der Erstzulassung 1979. Er wurde bei Porsche zwei Jahre lang immer wieder mit rotem Kennzeichen gefahren. Doch als ich ihn 1979 übernahm, wollte die Ludwigsburger Zulassungsstelle das tatsächliche Baujahr trotz eines vorgelegten Porsche-Zertifikats nicht akzeptieren. So ist er auf dem Papier zwei Jahre jünger als er tatsächlich ist. Ein echter Porsche-Klassiker, dazu noch ganz im Originalzustand, den ich neben meinem aktuellen 911 Carrera S Typ 992 heute wie damals mit Begeisterung fahre.“

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